Monday, July 26, 2004

Die Finanz-Kolumne / Deutsche Politik
 
Keynes – gründlich missverstanden

Das letzte, was Deutschland benötigt, ist eine expansive Fiskalpolitik

Deutschlands zähe, nun schon 10 Jahre andauernde Wirtschaftsflaute zehrt an den Nerven – und mit ihr die Predigt von den tiefgreifenden Strukturreformen, welche die meisten Experten vortragen. Des Mantras müde hat sich eine kleine aber laute und durchaus einflussreiche Gruppe gebildet, die für staatliche Konjunkturstimulierung a la 70er Jahre plädiert. Ihr gehören ehemalige Politiker wie
Heiner Flassbeck an (während Lafontaines kurzer Amtszeit Staatssekretär im Finanzministerium); Spitzenmanager wie Ex-Allianz-Vorstandsmitglied Leonhard Fischer, Wirtschaftsredakteure einiger der besten deutschen Zeitungen – ZEIT, Financial Times Deutschland – und mindestens ein prominenter Wirtschaftsprofessor: Peter Bofinger von der Universität Würzburg, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung.

Immer ungeduldiger drängt diese Gruppe auf Steuersenkungen ohne Gegenfinanzierung und höhere Staatsausgaben: schließlich „lerne ein Volkswirtschaftsstudent im ersten Semester, dass man Nachfrageschwäche mit expansiver Fiskalpolitik“ bekämpfe. Nur „dogmatisches Denken und Handeln“ hindere die Politik daran, das Richtige zu tun (zwei Zitate aus der ZEIT).

Keynes: der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts

Ein Wort vorab: die Kolumne hält sehr viel von John Maynard Keynes, genauer: sie hält ihn für den wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts (noch vor Irving Fisher, Johann Schumpeter und Milton Friedman). Keynes war es, der es angesichts der Weltwirtschaftskrise wagte, „außerhalb der Box“ zu denken, d.h. die Modellwelt stets im Gleichgewicht befindlicher Märkte zu verlassen, welcher die meisten Ökonomen und Politiker in den 30er Jahren anhingen. Diese Modellwelt konnte die Weltwirtschaftskrise nicht erklären, und hielt deshalb auch kein Mittel zu ihrer Überwindung bereit. Seit Keynes denken Ökonomen über imperfekte Märkte nach, was zu einem reicheren, realistischeren und damit nützlicheren Bild moderner Volkswirtschaften verholfen hat. Keynes identifizierte auch das Kernproblem der Weltwirtschaftskrise: die „Liquiditätsfalle“. Wenn die Nachfrage so schwach ist, dass auch Zinsen von null sie nicht beleben können, wird herkömmliche Geldpolitik wirkungslos (Betonung auf herkömmlich).

Wie wichtige Keynes’ Erkenntnisse auch heute sind, zeigt die abebbende japanische Wirtschaftskrise. Nach dem Platzen der Aktien- und Immobilienblase ende der 80er Jahre befand sich Japan über 10 Jahre lang in einer Art Liquiditätsfalle, aus der es sich erst befreien konnte, als die Geldpolitik zu einer unkonventionellen Methode griff: dem Aufkauf großer Mengen Dollars gegen frisch gedruckte Yen. Die Bank of Japan konnte so die Geldmenge auszuweiten, Inflationserwartungen erzeugen und der Liquiditätsfalle entkommen, ohne auf den verstopften Weg der Nachfragestimulierung über Kreditausweitung angewiesen zu sein.

Deutschland ist nicht Japan

Wenn expansive Geldpolitik in Japan funktioniert hat, warum das Gleiche nicht auch in Deutschland versuchen? Nun, weil Deutschland keine eigene Zentralbank mehr hat. Und für die Europäische Zentralbank gibt es wenig Grund, abrupt den Kurs zu ändern: die zähe Nachfrageschwäche ist ein spezifisch deutsches, kein europäisches Problem. Wenn aber Geldpolitik nicht zur Verfügung steht, dann kann doch sicher die Fiskalpolitik einspringen?

Die Antwort ist: nein. Keynesianische Politik hilft nur, wenn ein keynesianisches Problem vorliegt. Und dies ist, im Gegensatz zum Japan der 90er Jahre, heute in Deutschland nicht der Fall.

Bei gestiegenen Kapitalkosten…

Wo liegt das Problem? Dazu müssen wir zurück in die Zeit vor der Einführung des Euro. Die D-Mark war damals Europas Reservewährung: Ausländer waren bereit, D-Mark Papiere zu niedrigeren Zinsen zu halten als Papiere in anderen europäischen Währungen. Wer, wie z.B. Frankreich, seine Währung an die DM koppeln wollte, bezahlte mit einem höheren Zinsniveau: die Anleger verlangten einen Risikozuschlag, um in Franc statt in DM zu investieren. Noch 1992 zahlten französische Schuldner einen vollen Prozentpunkt mehr auf ihre Anleihen als deutsche Schuldner, Spaniens Schuldner vier Prozentpunkte.

Für Deutschlands Volkswirtschaft war dies ein exzellenter Deal. Deutsche Firmen konnten Investitionen billiger finanzieren als ihre europäischen Konkurrenten. Als Konsequenz besaß Deutschland einen größeren und entwickelteren Kapitalstock als der Rest Europas, und konnte sich ein höheres Lohnniveau leisten. Man sollte nicht vergessen, wem Deutschland diesen Deal vor allem zu verdanken hatte: der Bundesbank, die über Jahrzehnte das beinahe grenzenlose Vertrauen in die Stabilität der DM aufgebaut hatte. 1/

…müssen Preise und Löhne fallen…

Mit der Einführung des Euro verschwand dieser Kapitalkostenvorteil. Die Zinsen auf langfristige spanische Anleihen etwa sanken von über 11 Prozent 1995 auf weniger als 5 Prozent 1999 – das Niveau Deutschlands. Da Deutschlands Löhne aber deutlich höher waren als anderswo – mehr als 50 Prozent über den Löhnen Spaniens, zum Beispiel – sahen sich deutsche Unternehmen plötzlich einem enormen Kostennachteil ausgesetzt. Die Folge: Preise und Löhne in Deutschland mussten fallen, bis dieser Nachteil ausgeglichen ist.

Genau dies ist in den vergangenen Jahren passiert. Deutschlands Inflationsrate liegt seit der Einführung des Euro deutlich unter jener der Eurozone. Als Folge ist Deutschlands Preisniveau bislang um rund 6 Prozent gegenüber dem Eurozonen-Durchschnitt gefallen, die Lohnkosten sogar noch etwas mehr. Im Ökonomen-Jargon: Deutschland hat real um mehr als sechs Prozent abgewertet. Dieser Anpassungsprozess ist schmerzhaft: er macht Deutsche ärmer im Vergleich zu anderen Europäern, aber auch wettbewerbsfähiger.

…auch wenn dies die Nachfrage drückt.

Das Sinken des deutschen Preisniveaus relativ zum Rest Europas hat einen wichtigen und sehr unangenehmen Nebeneffekt. Seit der Einführung des Euro ist das Nominalzinsniveau überall gleich – für Anleger macht es keinen Unterschied mehr, ob sie Geld an Spanier oder Deutsche verleihen. Deutschlands Realzinsen, das sind die Nominalzinsen abzüglich der erwarteten Inflation, sind deshalb deutlich höher als im übrigen Europa - ein Prozentpunkt höher als im Durchschnitt der Euro-Zone, rund zwei Prozentpunkte höher als in Irland oder Spanien.

Nach einer einfachen Faustregel drücken die kurzfristigen Realzinsen immer dann auf die Nachfrage, wenn sie dass Wirtschaftswachstum übertreffen. Deutschlands Wachstum lag in den vergangenen 3 Jahren im Durchschnitt bei 0.4 Prozent, die kurzfristigen Realzinsen bei 2.4 Prozent – eine Differenz von zwei vollen Prozentpunkten.

Hier liegt die Ursache für Deutschlands zähe Nachfrageschwäche: sie ist die Kehrseite der Anpassung Deutschlands an das europäische Preisniveau. In Spanien, den Niederlanden oder Irland hingegen haben die (zu) niedrigen Realzinsen einen wahren Kreditrausch erzeugt. Die Verschuldung der spanischen Haushalte z.B. wuchs zwischen 1998 und 2003 um fast 40 Prozent, mit möglicherweise gefährlichen Folgen: Spaniens Hauspreise stiegen im gleichen Zeitraum inflationsbereinigt um fast 60 Prozent. So sehen Immobilienblasen aus. Und platzende Immobilienblasen gehören zum Schlimmsten, was Volkswirtschaften passieren kann (siehe Japan).

Expansive Fiskalpolitik ist kontraproduktiv…

Die Kolumne ist nicht die erste, die diesen Zusammenhang beschreibt; und viele Nachfrage-Advokaten würden der Analyse bis hierhin sogar folgen. Aber sie ziehen einen anderen Schluss – eine Kurzschluss, nach Ansicht der Kolumne: wenn die private Nachfrage schwächelt, aus welchen Gründen auch immer, dann soll gefälligst der Staat einspringen.

Soll er das? Könnte der Staat mit expansiver Fiskalpolitik helfen? Die Antwort ist: vorübergehend sicher – ein Strohfeuer kann die Politik immer erzeugen, solange sich jemand findet, der ihr das Geld dazu leiht. Mittelfristig aber wäre das exakt kontraproduktiv. Expansive Fiskalpolitik würde Preise und Löhne nach oben drücken. Die – unausweichliche – reale Abwertung gegenüber dem Rest Europas würde so verzögert, die Durststrecke der deutschen Volkswirtschaft verlängert.

… aber Lohnsubventionen würden helfen

Die Bundesregierung hätte stattdessen zweierlei tun sollen – und könnte es noch immer. Erstens: den Zusammenhang der Öffentlichkeit erklären, sie darauf vorbereiten, dass einige Jahre schmerzhafter Anpassung unvermeidbar sind. Zweitens: den Lohnanpassungsprozess vereinfachen, durch die Schaffung eines staatlich bezuschussten Niedriglohnsektors a la USA (Earned Income Tax Credit) oder Großbritannien (Working Families' Tax Credit).

Auch die Europäische Zentralbank hätte helfen können, mit dem Heraufsetzen ihres Inflationsziels - bei 3 Prozent Euro-Inflation erlauben 1 Prozent Teuerung in Deutschland einen doppelt so schnellen Preisanpassungsprozess wie bei 2 Prozent Euro-Inflation. Allerdings: Deflationsgefahr für die gesamte Euro-Zone a la Japan bestand, im Gegensatz zu den Behauptungen mancher Kommentatoren, nie. Selbst dann nicht, wenn es zu Deflation in Deutschland gekommen wäre, dem größten Euro-Land (Anfang 2003 schien dies durchaus möglich). Solange die EZB die Inflationserwartungen für die Euro-Zone insgesamt positiv hält – und das tut sie erfolgreich – schließt sie Deflation aus. Wer das Gegenteil meint, wiederholt einen häufig vollzogenen Trugschluss der monetären Ökonomik: relative Preisanpassungen verursachen keine Änderung des absoluten Preisniveaus.

Das Ende des Anpassungsprozesses ist in Sicht…

Wann wird die Qual ihr Ende haben? Ökonomen sind bekanntlich hervorragend darin, Sacherverhalt ex-post zu erklären, aber vorhersagen können sie nichts – und so wagt auch die Kolumne keine Prognose. Aber einige Indikatoren besagen: bald, vielleicht sogar schon 2005. Deutschlands Exportanteil innerhalb der Eurozone, zwischen 1990 und 2000 von 42 auf unter 37 Prozent gefallen 2/, hat sich auf 39 Prozent erholt. Und die Profitabilität deutscher Unternehmen ist auf dem höchsten Niveau seit 1990. Ihre Wettbewerbsfähigkeit scheint also wiederhergestellt. Auch das Inflationsdifferential gegenüber dem Rest der Eurozone ist geschrumpft, von 1.6 Prozentpunkten noch vor einem Jahr auf 0.6 Prozentpunkte. Dies bedeutet: die Realzinsen fallen. Endlich.

Heißt dies, dass sich Deutschlands Politiker erleichtert zurücklehnen dürfen, sobald der Preisanpassungsprozess zu Ende gekommen ist? Natürlich nicht, aus mindestens drei Gründen.

… aber die nächsten Herausforderungen warten

Zum einen spielt sich seit langem ein weiterer, besorgniserregender „Anpassungsprozess“ ab: der Qualitätsverfall deutscher Institutionen. Anzeichen dafür sind (unter anderem) die Ergebnisse der Pisa-Studie; die Tatsache, dass immer weniger Spitzenforschung aus Deutschland kommt; der Reputationsverlust deutscher Technologie im Ausland (nach einer kürzlich veröffentlichte Umfrage gelten deutsche Autos in den USA als minderwertig). In immer mehr Bereichen rutscht Deutschland aus der internationalen Spitzenklasse ins Mittelfeld ab. Dies bewirkt eine Verminderung des Potentialwachstums – ein sehr viel langsamerer, schleichenderer Prozess als die euro-induzierte Nachfrageschwäche, aber mit dramatischen Folgen nichtsdestotrotz. Schon ein halber Prozentpunkt Verlust an Potentialwachstum bewirkt über den Zeitraum einer Generation 15 Prozent weniger Einkommen. Die einzige Antwort darauf sind Strukturreformen.

Zweitens stehen neue Euro-Mitgliedsländer vor der Tür. Der Preisanpassungsprozess der vergangenen Jahre wird sich auf ähnliche Weise wiederholen (wenn auch in kleinerem Maßstab) sobald sich Polen, Ungarn, die Tschechische Republik auf die Euro-Einführung vorbereiten. Und dieses zweite mal wäre der Prozess wesentlich weniger schmerzhaft, wenn sich die Löhne in Deutschland rascher anpassen könnten. Dies legt erneut Niedriglohnzuschüsse nahe.

Die dritte Herausforderung folgt aus der demographischen Schieflage der deutschen Bevölkerung. Der nächsten Generation an Rentnern stehen zu wenig Beitragszahler gegenüber. Die heute Arbeitenden müssen deshalb privat vorsorgen, was bedeutet: sparen, sparen, sparen. Je länger die Deckungslücke der Sozialversicherungssyteme fortbesteht, desto stärker wird die Sparneigung der Bevölkerung zunehmen. Expansive Fiskal- wie Geldpolitik wird dann immer wirkungsloser werden – jeder zusätzlich verfügbar gemachter Euro wird auf dem Sparkonto landen und vermutlich im Ausland angelegt werden, wo die Bevölkerung wächst und die Renditen deshalb höher sind.

Um dies zu verhindern, müssen Deutschlands und Europas Politiker handeln – jetzt.

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1/
Broadbent, Schumacher und Schels (2004) , drei Ökonomen bei Goldman Sachs, argumentieren dass der Kapitalkostenvorteil durch die ungewöhnliche Bedeutung öffentlicher Banken in Deutschland noch verstärkt wurde. Sparkassen und Landesbanken, die keine Gewinne machen müssen und die der Staat mit seiner Einlagen- und Institutionengarantie subventioniert, konnten Kredite zu besonders günstigen Konditionen vergeben. Privatbanken mussten mitziehen, um ihren Marktanteil zu halten. Heute zwingt globaler Wettbewerb die Privatbanken, höhere Renditen zu erwirtschaften, und die Institutionengarantie für öffentliche Banken wird 2005 wegfallen. Beides erhöht die Kapitalkosten.

2/ Konsequenz nicht nur der Euro-Einführung, sondern auch des Lohnkonstenüberhangs in Folge der deutschen Einheit.

7 Comments:

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2:17 PM  
Blogger PPP said...

Hallo Kolumne,

könnten Sie kurz erklären, wie es zu dieser "Faustregel", die Sie beschreiben kommt? Warum kurzfristige Realzinsen auf die Nachfrage drücken, wenn sie höher sind als das Wachstum?

Vielen Dank,

P

4:16 AM  

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